Bild: Peter Schoblocher

12.11.2020
Kompromiss am Thannhauser Eichberg

Artikel in den Mittelschwäbischen Nachrichten vom 12.11.2020 - Von Markus Landherr

Nach dem starken Befall mit dem Eichenprozessionsspinner im Sommer setzt der Bauausschuss nun doch wieder den Fällbeschluss für sechs Eichen aus. Zwei Bäume werden aber trotzdem entfernt

Thannhausen   I   Eigentlich war es bereits beschlossene Sache: Sechs Eichen, jede zwischen 100 und 120 Jahre alt, sollten gefällt werden. Der Grund: Sie stehen am Thannhauser Eichberg in unmittelbarer Nähe eines Wohnhauses im dortigen neu entstandenen Baugebiet. Der starke Befall mit dem Eichenprozessionsspinner hatte dort im Sommer zu einer massiven Beeinträchtigung der Lebensqualität und zur Gefährdung der Gesundheit der Anwohner geführt. Die Raupen waren massenhaft aufgetreten, der Garten war für die Anwohner praktisch nicht nutzbar. Schweren Herzens hatte der Bauausschuss im Juli die Fällung beschlossen, da die Gesundheit über dem Naturschutz stehe, so die damalige Begründung (wir berichteten) . Jetzt stand das Thema erneut auf der Tagesordnung. Daniel Reithmeier (Grüne) hatte einen entsprechenden Antrag eingebracht. Seine Begründung: Als die Fällung im Juli beschlossen worden sei, lagen verschiedene Gutachten und mögliche Vorgehensweisen mit den daraus erzielbaren Erfolgen noch nicht vor.

Zu Gast war der Kreisgeschäftsführer des Bund Naturschutzes im Landkreis Neu-Ulm Bernd Kurus-Nägele. In seiner Stellungnahme sprach er davon, dass eine Fällung aus naturschutzfachlicher Sicht nicht zu tolerieren sei. Bäume dieser Kategorie entwickelten ihre volle Wertigkeit erst ab einem Alter von 60 Jahren. Ein Verlust sei daher sehr schwer zu kompensieren. Die Eiche sei einer der wertvollsten Lebensräume für über 300 Lebewesen, wesentlich mehr als bei anderen Baumarten. Ein Baum dieser Größe sorge aber auch für die Lebensgrundlage von zwei Familien. Letztendlich sei nicht der Baum an sich das Problem, sondern der Eichenprozessionsspinner. Mit dem komme die Eiche gut zurecht, die Gefährdung für Menschen sei jedoch definitiv gegeben. Für ihn sei daher das Gebot der Stunde, den Schädling und nicht den Baum zu beseitigen. Als Optionen stünden die Absaugung der Raupen oder die vorbeugende Behandlung mit Neem-Öl, einem Biozid, im Raum. Er warb darum, den Fällbeschluss zumindest für ein Jahr zurückzustellen und die Wirksamkeit der genannten Maßnahmen zu prüfen.

Bürgermeister Alois Held (CSU) zitierte zur Neem-Öl-Behandlung ein entsprechendes Gutachten. Diese Maßnahme sei angeblich sehr wirksam, aber mit Schwierigkeiten verbunden: Die Hausfassaden der Anwohner müssten nach einer Biozid-Behandlung gereinigt werden. Letzteres sei schlicht nicht machbar. Er sei grundsätzlich dafür, den Fällbeschluss auszusetzen. Man habe als Stadt aber auch die rechtliche Verpflichtung, Leben und Gesundheit der Anlieger zu schützen. Der Stadt liege allerdings auch eine Unterschriftenliste mit rund 100 Unterschriften vor, die sich für den Erhalt der Eichen aussprechen.

Die Behandlung mit Neem-Öl sei nicht unumstritten, berichtete auch Bernd Kurus-Nägele auch Nachfrage von Peter Schoblocher (Freie Wähler). Es töte auch andere Insekten und Nützlinge ab. Im Sinne einer Abwägung könne dies allerdings eine geeignete Maßnahme sein. Denn werden die Bäume gefällt, sei der Lebensraum für immer verschwunden, das Neem-Öl wirke nur temporär. Daniel Reithmeier konnte Auskunft zum Prozedere geben. Aufgebracht werde das Biozid mit einem Gerät ähnlich einer Schneekanone. Aufgrund der Aerosol-Bildung gebe es hohe Auflagen bei der Ausbringung. Diese dürfe nur an windstillen Tagen ausgeführt werden und durch eine elektrostatische Aufladung werde dafür gesorgt, dass das Öl besser auf den Bäumen anhafte. Er habe diesbezüglich Erfahrungen in Gemeinden eingeholt, die diese Behandlung bereits durchgeführt haben. Da das Neem-Öl sehr stark mit Wasser verdünnt werde, habe es keine Probleme an den Wohnhäusern gegeben. Trotzdem könne dies leider nicht gänzlich ausgeschlossen werden.

Damit konnte sich kaum ein Stadtrat anfreunden. Stefan Herold (SPD) hielt die Biozid-Behandlung für ausgeschlossen. Die Situation sei schwierig. Den Eigentümer treffe aber hier keine Schuld.

Bürgermeister Held zitierte im weiteren Verlauf der Sitzung erneut ein Gutachten des Forstamtes: Dieses habe sich aufgrund der abnehmenden Vitalität der Eichen für eine Fällung ausgesprochen. Diese Aussage sei ein Armutszeugnis für die Behörde, sagte Kurus-Nägele. Eine Eiche könne durchaus zwischen 200 und 300 Jahre alt werden. Viel spreche für eine Fällung aller sechs Eichen, sagte Herbert Fischer (CSU). Aus Gründen des Naturschutzes schlug er aber einen Kompromiss vor: Zwei Eichen, die unmittelbar in der Nähe des Wohnhauses stünden, sollten entfernt werden. An den vier weiteren Eichen sollten erneut Maßnahmen zur Beseitigung des Eichenprozessionsspinners ergriffen werden.

Gottfried Braun (Freie Wähler) konnte sich mit diesem Kompromiss anfreunden. Wenn die Maßnahmen allerdings keinen Erfolg zeigten, müssten alle Bäume ohne Wenn und Aber gefällt werden. Die Gesundheit der Anwohner gehe vor. Von Bernd Kurus-Nägele wollte er wissen, warum der Bund Naturschutz nicht bereits bei der Bauleitplanung auf das Raupen-Problem hingewiesen habe. Dieser entgegnete, das ganze Baugebiet sei aus Gründen des Naturschutzes von Anfang an als höchst problematisch eingestuft worden.

Kurus-Nägele hielt den Vorschlag von Herbert Fischer ebenfalls für tolerabel. Die Absaugung sei für ihn eine Option. Allerdings müssten die Maßnahmen rechtzeitig begonnen werden, dieses Jahr habe man damit zu spät angefangen. Mittels Baumkletterern sei dies auch ohne große und schwere Maschinen möglich und bewege sich im überschaubaren finanziellen Rahmen.

Alois Held wollte sich diesbezüglich auf keine weiteren Experimente einlassen. Das Thema sei ausreichend diskutiert worden, die Absaugung sei teuer und der Erfolg sei nicht sicher. Peter Schoblocher (Freie Wähler) gab zu verstehen, dass er die Ungeduld des Bürgermeisters verstehen könne. Man habe allerdings in den letzten Wochen und Monaten einige neue Erkenntnisse gewonnen, die eventuell eine Lösung für den Naturschutz und die Lebensqualität der Anwohner herbeiführen könnten. „Wir werden letztendlich jeden Tag schlauer. Und wenn es irgendwie machbar ist, müssen wir die Bäume erhalten.“ Mehrheitlich wurde dann dem Kompromiss zugestimmt: Zwei Eichen werden gefällt. Die restlichen Bäume sollen im kommenden Jahr abgesaugt werden.

Bild: Peter Schoblocher